Wir schreiben den 14. April 2024. Es läuft die 83. Minute im Spiel zwischen Bayer Leverkusen und Werder Bremen, als Florian Wirtz zum 4:0 trifft. Die Zuschauer sind kaum noch zu bändigen. Wirtz bittet die ekstatischen Fans zurück hinter die Banden, um keinen Spielabbruch zu provozieren. Sieben Minuten später, nach dem dritten Treffer des Leverkusener Spielmachers, stürmt die Meute das Feld. Das Spiel wird beim Stand von 5:0 nicht mehr angepfiffen. Bayer Leverkusen ist Meister.
762 Tage später ist Ernüchterung eingekehrt. Die Werkself schließt die Saison 2025/26 nach einem müden 1:1 am letzten Spieltag gegen den HSV als Tabellensechster ab. Aus der Startelf vom April 2024 stehen nur noch drei Spieler zu Beginn auf dem Platz. Der Trainer Kasper Hjulmand ist schon der zweite nach Xabi Alonso.
Was ist passiert? Die naheliegenden Erklärungen sind bekannt: der Ausverkauf der Leistungsträger, der wiedererstarkte FC Bayern, zwei Trainerwechsel. Aber dahinter liegt ein Faktor, den die Sportpsychologie besser erklären kann als die Transferbilanz.
Sechs, die bleiben
Dieser Faktor ist die Eingespieltheit der Mannschaft. Als Xabi Alonso Leverkusen im Oktober 2022 übernimmt, etabliert sich eine Startelf, in der nur zwei Namen in der Meistersaison nicht mehr auftauchen. Moussa Diaby und Mitchel Bakker. Sechs Spieler dieser Elf gehören ein Jahr später zur Stammelf des Meisters. Exequiel Palacios und Robert Andrich teilen sich fortan den Platz neben Neuzugang Granit Xhaka. Amine Adli und Adam Hložek rutschen auf die Bank.

Einer fehlt in dieser Aufzählung. Florian Wirtz spielt 2022/23 nach seinem Kreuzbandriss nur die halbe Saison und steht deshalb nicht in dieser Startelf. Ein Jahr später ist er der beste Mann auf dem Platz. Neu ist er trotzdem nicht, er kennt den Verein seit 2020. Damit haben sieben Spieler dieser Meisterelf schon vorher für Leverkusen gespielt.
Dazu kommen vier Neuzugänge: Álex Grimaldo, Granit Xhaka, Jonas Hofmann und Victor Boniface.
Der Vorteil einer solchen Mannschaft ist messbar. Berman, Down & Hill (2002)1 untersuchten dies in der Basketballliga NBA. Das Ergebnis: Je mehr gemeinsame Spielerfahrung die Mannschaft hat, desto besser die Leistung. Zumindest bis zu einem Punkt. Pasarakonda et al. (2025)2 stellen den Fußballbezug her. Sie zeigen für die Premier League, dass eingespielte Mannschaften die negativen Folgen von Kaderveränderungen abfedern.
Bayer wird also Meister mit einer eingespielten Mannschaft. Die Saison darauf bringt den Höhepunkt dieser Eingespieltheit. Zehn der elf Stammspieler kennen den Verein bereits, nur Aleix García ist neu. Es ist der eingespielteste Kader der Liga.
Leverkusen wird Zweiter mit 69 Punkten, verliert nur drei Spiele. 90 Punkte in der Meistersaison waren ein historischer Ausreißer, kein Normalzustand.
Die knappen Spiele, die ein Jahr zuvor in der Nachspielzeit kippten, werden nicht mehr gewonnen. Aus sechs Unentschieden werden zwölf. Dass es nicht zum Titel reicht, liegt auch am FC Bayern, der unter Kompany 82 Punkte holt. Dazu wabern die ganze Saison Gerüchte um Alonso, Wirtz und Tah. Alle wissen: Dieser Kader spielt so zum letzten Mal zusammen. Dann kommt der Sommer 2025.

Sechs, die gehen
Es kommt der Ausverkauf. Wirtz und Frimpong gehen nach Liverpool, Tah zu Bayern, Xhaka nach Sunderland, Hincapié zunächst auf Leihbasis zu Arsenal, Hrádecký nach Monaco. Sechs Stammspieler in einem Sommer. Und keiner geht, weil er zu schlecht wäre. Tahs Vertrag läuft aus. Für Wirtz legt Liverpool 117,5 Millionen hin. Leverkusen wird auseinandergenommen, weil Leverkusen gut war.
Die Folge steht in der Aufstellung. Von der Elf, die ein Jahr zuvor auflief, halten sich nur noch drei (Hofmann sitzt meistens auf der Bank). Erik ten Hag übernimmt und wird nach zwei Bundesligaspielen entlassen. Kasper Hjulmand ordnet die Mannschaft und bringt sie auf Platz sechs.

Sport-Geschäftsführer Simon Rolfes hat das inzwischen offen benannt3. „Wenn du viel Erfahrung hast, diese Erfahrung aber keine Rolle mehr spielt, dann ist es mit der Führung ebenfalls nicht mehr weit her“, sagt er im Sommer 2026. Es gehe darum, Verbindungen zu schaffen, damit Freundschaften zwischen den Spielern entstehen und sie sich in schwierigen Momenten aufeinander verlassen können. „Solche Momente muss man manchmal gemeinsam durchschreiten. Dann bildet sich eine Einheit oft am stärksten.“ Was Rolfes beschreibt, ist im Kern die Forschung von Berman, nur in der Sprache eines Sportdirektors.
Und jetzt? Stand heute verlässt nur Álex Grimaldo den Verein. Zehn der elf bleiben. Der neue Trainer heißt Carles Martínez Novell und kommt aus Toulouse. Im Trainingslager lässt er Staff und Spieler abends gemeinsam Basketball und Tischtennis spielen. „To be a team, we have to be the first team in the staff“, sagt er 4. Auf die Frage nach Saisonzielen weicht er aus. Er werde glücklich sein, wenn die Fans sehen, dass die Mannschaft bis zum Ende alles gibt. Ergebnisse verspricht er keine.
Zum ersten Mal seit dem Titel bekommt eine Leverkusener Mannschaft die Chance, zusammenzuwachsen statt zerlegt zu werden. Ob das reicht, ist eine andere Frage. Bayern hat die vergangene Saison mit 89 Punkten und 122 Toren gewonnen.
- Berman, Down & Hill (2002), Academy of Management Journal. Gemeinsame Erfahrung und Leistung, umgekehrtes U (NBA). ↩
- Pasarakonda et al. (2025), Group & Organization Management, 50(3), 840–895. ↩
- Interview im Kölner Stadtanzeiger vom 03.08.2026 – https://www.ksta.de/sport/bayer-04-leverkusen/bayer-leverkusen-simon-rolfes-fordert-mehr-mentalitaet-1340533 ↩
- Interview im Youtube-Kanal von Bayer Leverkusen – https://youtu.be/Cjb37QcZB0w?si=wIWQ6yb2X-LiCX4T ↩